M: Ein- bis zweimal im Jahr miste ich meinen Kleiderschrank aus und muss jedes Mal wieder feststellen: Die Fehlkäufe, die ich als verantwortungsvolle Konsumentin natürlich zu vermeiden versuche, werden nicht weniger, es findet sich immer was, was ich der Kleidersammlung überlassen muss. Am schwersten ist es mir diesmal bei den schwarzen Sandalen mit den 7-cm-Absätzen gefallen, die mir bei den paar Schritten im Laden noch recht bequem vorkamen, die ich mir aber nach spätestens fünfzehn Minuten Tragen von den Füßen zerren will, weil sie so schrecklich drücken. Ich hatte sie mir zu einem roten Sommerkleid gekauft, von dem ich beim Kauf letztes Jahr noch sehr begeistert war, in dem ich mir aber leider mittlerweile gar nicht mehr gefalle, das aber noch eine Chance bis zum nächsten Sommer bekommt, weil es einfach zu teuer war. Außerdem dran glauben mussten eine Chino (sitzt irgendwie nicht), eine Bluse (der Stoff ist mir unangenehm, weil ich darin schnell schwitze), sowie ein sündteures Oberteil, das ich ganz spontan gekauft habe, weil ich die knallige Farbe so toll fand; leider stellte sich heraus, dass genau diese Farbe zu gar nichts anderem in meinem Kleiderschrank passt. Ich hätte mir eine Hose oder einen Rock extra dazu gekauft – wenn mir denn die Farbe gestanden hätte, was sie definitiv nicht tat…
Während ich das Teil in den Kleidersack gestopft habe, hab ich mich gefragt, warum mir das nach so vielen Jahren immer noch passiert, dass ich für viel Geld Sachen kaufe, die sich schnell als Flops erweisen. Müsste ich nicht endlich mal schlauer sein??? Und besser einschätzen können, was mir steht und was ich wirklich gerne trage?
A: Bei mir sind Fehlkäufe oft der Situation geschuldet. In Schwabing gab es am Wedekindplatz einen schönen Laden mit italienischer Mode, bei dem ich gern vor dem Schaufenster gestanden habe. Wenn ich dann tatsächlich reingegangen bin, habe ich immer etwas gekauft, weil die Verkäufer*innen so nett waren, mir einen Caffé oder ein Glas Sekt angeboten haben und mir hübsche Klamotten in die Kabine gehängt haben. Das meiste davon ziehe ich an, aber es waren auch zwei Fummel dabei, die bis heute ungetragen in meinem Schrank hängen. Eigentlich wusste ich schon im Laden, dass ich die nicht anziehen werde, hab mich aber einfach nicht getraut da mit leeren Händen rauszugehen, weil die sich so viel Mühe gegeben haben. Eine gute Verkaufsstrategie ist bei mir also recht wirkungsvoll.
M: Bei mir auch, aber aus anderen Gründen. Ich hab kein Problem damit, Verkäuferinnen zu enttäuschen – da hilft auch kein Sekt oder Kaffee – , lass mich aber gern von ihnen beschwatzen, wie supertoll der eine oder andere Fummel an mir aussieht, quasi wie für mich gemacht! Das funktioniert allerdings nur, wenn ich ohne Einkaufsberaterin unterwegs bin, also ohne Tochter oder Freundin, die mir freundlich, aber gnadenlos offen sagen, ob mir das Teil wirklich steht oder nicht (Männer hab ich nach leidvollen Erfahrungen beim Shoppen nicht so gern dabei). Dafür nehm ich sie ja auch mit. Und bin immer dankbar dafür, dass sie mich mal wieder vor einem Griff ins Klo bewahrt haben.
Sie verhindern auch, dass ich den ärgerlichsten aller Fehler beim Einkaufen mache: Die Selbsttäuschung! Die tolle Hose gibt’s nicht in meiner Größe? Egal, da hunger ich mich schon rein… Nie, wirklich NIE klappt das, jedenfalls nicht bei mir! Und dann hängen diese wunderschönen, aber zu knappen Teile jahrelang in meinem Schrank und schauen mich jedes Mal hämisch an: Na? Mal wieder probieren? Oder hast du seit dem letzten Mal etwa zugelegt???
A: Das hab ich wiederum noch nie gemacht. Vielleicht auch deshalb, weil sich mein Körper (und hoffentlich nicht auch mein Geist!) über die Jahre nicht wesentlich verändert – ich hab noch Klamotten im Schrank, die ich mit Mitte 20 getragen habe.
Und am liebsten kaufe ich ganz allein ein, wenn ich etwas für mich persönlich suche, bin aber schrecklich gern Einkaufsbegleitung bei den Söhnen, dem Mann oder Freundinnen. Interessanterweise prallt als Beraterin dann auch jede Strategie oder Lobhudelei erfolglos an mir ab. Und das fällt mir just in diesem Moment auf, in dem ich jetzt darüber schreibe. Anscheinend fühle ich mich in der Rolle der Begleiterin zu rein gar nichts verpflichtet. Eine zugegeben recht späte Erkenntnis, die ich beim nächsten Shopping aber nutzen werde, indem ich – wie beim Volleyballspiel aus der Annahme in den Angriff – routiere und in die Rolle der Beraterin schlüpfen werde, wenn ich mich zum Kauf irgendeines unnützen Kleidungsstückes gedrängt fühle. Und ich bin mir jetzt schon sicher, dass das funktionieren wird!
M: Da bin ich gespannt, ob das klappt bei dir! Falls ja, werde ich diesen Trick auch mal probieren. Obwohl es ja heißt, niemand sieht einen so kritisch wie man sich selbst, was im Endeffekt bedeuten würde, dass es keine Fehlkäufe mehr gäbe, oder?
Ich berate andere beim Einkaufen auch sehr gerne, muss dabei aber immer bedenken, meinen eigenen Geschmack nicht für das Nonplusultra zu halten. Eine Freundin von mir hatte sich mal „aus Versehen“ einen knallgelben Pulli gekauft, von dem ich fand, dass er ihr hammermäßig stand. Das hab ich ihr auch gesagt, sie aber fühlte sich einfach nicht wohl in dem Teil, „passt einfach nicht zu mir“; sie zog ihn nur ein einziges Mal an, da konnte ich sagen, was ich wollte.
Ein gelbes Kleidungsstück hab ich mir selber noch nie gekauft, noch nicht mal anprobiert, weil ich der festen Überzeugung bin, dass mir die Farbe nicht steht. Mit rot, pink, braun und knallgrün hab ich es schon probiert, aber die Teile schnell wieder aussortiert. Meine Farben sind schwarz, grau, dunkelblau und dunkelgrün, glaube ich. Und tatsächlich sind Klamotten in diesen Farben fast nie Fehlkäufe.
A: Ich habe einen großen gelben Schal, den ich sehr liebe! Mich obenrum komplett – in Form eines Pullovers oder T-Shirts – in Gelb zu tauchen, trau ich mich aber nicht. Solche Farben stehen eher Menschen mit dunklerer Haut, finde ich. Bei Pink bin ich aber dabei! Eine der wenigen kräftigen Farben, die mir wirklich stehen – auch von oben bis unten. Obwohl ich da schon ein bisschen an Queen Elizabeth denken muss, die sich ja gern in einer Knall-Farbe präsentierte vom Hut bis zu den Schuhen. Peinlicherweise war meine Pink-Montur vor einiger Zeit bei einer Gruppe Auszubildender aber nicht der Anlass für einen „Queen-Ausruf“, sondern für einen „Barbie-Schrei“, der mich tief im Boden versinken ließ. Zu meiner Ehrenrettung sei aber hinzugefügt, dass diese Szene sich im „Barbenheimer-Hype“ des Sommers 2023 abspielte, in dem ich von der Farbe Pink vielleicht besser die Finger gelassen hätte.
M: Angeblich ist Pink in allen Schattierungen ja die eine Farbe, die jeder Frau steht! Das hat, so heißt es, mit dem Teint zu tun, beziehungsweise mit dem „Glow“, den Pink auf die Haut zaubern soll. Das las ich zumindest beim Friseur in einer einschlägigen Zeitschrift. Ich kann mich dennoch nicht zu einem Oberteil oder gar einer Hose in Pink durchringen, hab mir aber letzten Winter ein Dreieckstuch gestrickt, in dem ein kleines Stück in knalligem Rosa vorkommt. Ich werde es dir bei Gelegenheit vorführen, damit du die Glow-Theorie bestätigen kannst. Oder auch nicht.
Heute im Supermarkt fiel mir übrigens ein, dass es bei mir Fehlkäufe auch immer wieder bei Lebensmitteln gibt. Seit Jahren lege ich zum Beispiel alle paar Monate einen Bund Stangensellerie in meinen Korb, weil der so unglaublich gesund sein soll (also der Sellerie, nicht der Korb!), und ich nehme mir vor, ihn in den nächsten Tagen für ein gutes Gewissen zu verzehren (roh natürlich!). Um ihn dann doch jedes Mal nach etwa zwei Wochen mit spitzen Fingern wegzuwerfen, weil ich mich einfach nicht zum Essen überwinden kann, egal, wie toll für Verdauung und Immunsystem und was weiß ich noch das Gemüse ist. Der innere Schweinehund ist da wieder mal stärker und flüstert mir sehr überzeugend ein, dass eine Mango oder eine Ananas ja auch sehr gesund sind! Und wenigstens schmecken!
A: Stangensellerie gehört auch nicht zu meinen Favoriten, aber in einer Minestrone mag ich ihn gern. Und rohes Gemüse ist nach Ayurveda ja auch nur bedingt empfehlenswert, vor allem in den kälteren Jahreszeiten und für bestimmte Konstitutionstypen sowieso. Zu letzteren gehöre ich und verzichte deswegen ganz ohne schlechtes Gewissen darauf. Deshalb bin ich aber noch lange nicht vor Fehlkäufen gefeit! Ich habe jetzt wohl schon zum dritten Mail Tofu eingekauft, weil mein Ältester den mal sehr lecker asiatisch zubereitet hat. Der Tofu fristet dann über Monate sein Dasein im Kellerkühlschrank. Ich habe immer wieder andere Ausreden, weswegen ich ihn nicht marinieren kann: Keine Zeit, keine Lust, passt nicht zum Rest des Essens usw. Im Grunde mag ich ihn glaub ich einfach nicht anschauen, weil er blass und wabblig ist, bestelle ihn aber in allen Varianten in einschlägigen asiatischen Restaurants. Vielleicht lebe ich – was das Essen betrifft – einfach zu sehr nach dem Lustprinzip. Alles, was bunt, knackig, frisch und pumperlgsund ausschaut, landet in meinem Einkaufskorb und wird auch verzehrt. Die Sachen, die erst appetitlich werden müssen, schaffen es einfach nicht auf meinen Teller.
M: Tofu landet erst gar nicht in meinem Einkaufskorb, ich habe ihn auch noch nie im Restaurant bestellt, ich habe einfach einen inneren Widerstand dagegen. Dabei gibt es durchaus Soja-Produkte, die ich mag: Edamame zum Beispiel, diese mit grobem Salz bestreuten Schoten, aus denen man die Soja-Kerne herausknabbert, esse ich oft und gerne abends als Snack, gemeinsam mit dem Hund, der ganz wild darauf ist. Ich kann mir selbst nicht erklären, warum ich Tofu regelrecht abstoßend finde – ist es die Konsistenz? Oder der Geruch?
Ein lieber Kollege, ebenfalls Vegetarier, schwört auf Räuchertofu und gab mir vor einigen Jahren ein Rezept, das wirklich sehr appetitlich klang; er wollte jede Wette eingehen, dass es mir auch schmecken würde. Ich habe es dankend entgegengenommen, konnte mich aber zur Zubereitung nicht aufraffen, trotz vieler von mir geliebter Zutaten wie Erdnussbutter, Soba-Nudeln und Ingwer. Ob ich noch mal einen Anlauf nehmen soll? Um mein eigenes Vorurteil zu entkräften? Zu Kichererbsen habe ich beispielsweise ja auch erst vor einigen Wochen einen Zugang gefunden…
A: Unbedingt! Für mich ist es ein regelrecht erhebendes Gefühl, wenn ich feststelle, dass sich ein Vorurteil, welches sich hartnäckig bei mir eingenistet hat, plötzlich binnen Sekunden in Luft auflöst, sich in sein Gegenteil verkehrt oder was auch immer… Irgendwie wird meine Welt dann größer und ich schaffe es sogar, über meine Engstirnigkeit zu lachen. Ich habe mir vor vielen Jahren mal einen klassischen Designeranzug in einem sehr netten Secondhand-Laden in Schwabing gekauft und ihn seitdem nur einmal angezogen. Das lag am damaligen Trend, Hosen möglichst hüfttief zu tragen und an meiner Einbildung, dass mir Hight-Waist-Hosen nicht stehen. Letzte Woche bin ich nach langer Zeit mal wieder in das Teil reingeschlüpft und muss gestehen: Das war totaler Schmarrn! Und ein klassischer Fall von Selbstsabotage.
Ach, Alexandra ! Schade, dass es diese Boutique nicht mehr gibt! Da hatte ich auch ein paar tolle Teile her – und ging nie ohne Tüte raus. Flops waren auch immer mal wieder dabei. Wohl wegen der mutig-fröhlichen Beratung, die ich meist schätzte… im Nachhinein manchmal aber auch nicht